MISSIONSSTART Der Berg der Zwietracht (BdZ)
#1
*** Caerna Prime ***

Der Wind fegte Eiskristalle vom schneebedeckten Gipfel des Navant über die Klüfte seiner Abhänge, zwischen denen die ebenmäßigen Steinstrukturen kaum noch erkennbar waren. Nur aus der Luft waren Mauerreste und von Flechten überkrustete, korrodierte Metallelemente noch auszumachen. Doch nur die vierflügligen Havris segelten in dieser Höhe, und sie interessierten sich nicht für die Reste der alten Zivilisation. Der Großteil der imposanten Anlage, die Katapulte, von denen aus vor Jahrhunderten die Reisenden zu den Sternen aufbrachen, lag ohnehin unter den Sandbänken und der Wasseroberfläche des Sees in der Ebene verborgen. Von der verbliebenen eisfreien Fläche erhob sich gerade ein Havri mit mächtigen Flügelschlägen, einen Fisch im Schnabel. In einem weiten Bogen, die Luftströmung ausnutzend, schwebte er dann gen Süden, über die trutzigen Rundbauten des alten Klosters.



Tamran zog seinen schweren Wollumhang fester um die Schultern, während er mit einem Mitbruder auf die Dachterrasse des Tempels hinaustrat und der Wind sich ihnen entgegen stemmte. Das Tattoo auf seiner Stirn und die rituellen Narben auf seinem Unterarm wiesen ihn als Ältesten der Umkan-Gemeinschaft aus, auch wenn er mit seinen 80 Jahren noch relativ jung für dieses Amt schien. Doch seine Umsicht und die tiefe Kenntnis der religiösen Schriften hatte die Brüder bewogen, ihn zu wählen. Sein Blick folgte dem Flug des Havri.

„Es wird Sturm geben,“ sagte der zweite Mönch. „Bitten wir die Erhabenen, dass es der letzte Wintersturm für diesen Zyklus ist. Wir müssen bald mit dem Pflügen beginnen.“

„Der Sturm bereitet mir nicht so viele Sorgen wie sie…“
Tamran wies in die Ferne, wo sich eine kleine Rauchsäule erhob und etwas Fremdes inmitten der Einöde signalisierte. Mit dem Fernrohr, das auf dem Haupttempel montiert war, hatte er vor zwei Wochen die Zelte und Fertig-Behausungen in der Ebene entdeckt. Eine große Flagge wehte neben ihnen: die Flagge von Alpha Pavonis. Die Gestalten, die das Fernrohr zwischen den Behausungen ausmachte, waren von derselben Spezies wie Tamran, den Kamalek. Sie begannen ihre Tage mit demselben Tanz zu Ehren der Erhabenen wie die Mönche des Klosters.
Und doch empfand Tamran eine große Unruhe und Besorgnis. Navat war ein heiliger Ort, ein einsamer Ort, der niemandem gehörte, und auf den niemand seine Füße setzte außer den Angehörigen des Ordens.

„Sie sind eine Störung in den Linien der Kraft. Sie werden Unruhe und Streit bringen.“

„Wir sollten uns zu ihnen auf den Weg machen und mit ihnen reden. Sie sind Diener der Erhabenen wie wir,“ gab der Mitbruder zu bedenken.

„Das verstößt gegen die heiligen Regeln. Es würde unsere Reinheit beflecken. Ich muss darüber meditieren. Die Erhabenen müssen uns den Weg weisen.“


*** San Francisco / Presidio / Apartment von Admiral T’Khellian ***

Charlie und ich hatten anlässlich unseres Hochzeitstages eine kleine Reise ins Death Valley unternommen, wo der Frühlingsregen für ein überraschendes Blütenmeer gesorgt hatte. Nun war unsere kleine Transferkapsel wieder auf unserem privaten Landeplatz geparkt und wir hatten es uns nach einer Schalldusche im Wohnzimmer gemütlich gemacht.
Vom Fenster gegenüber der Couch konnten wir den Sonnenuntergang an der Golden Gate sehen – ein wirklich idyllischer Wohnort mit ebensolchem Ausblick! Ich freute mich jedesmal wieder, obwohl ich ja schon viele Jahre hier wohnte. Wir hatten kaum das Abendessen beendet und die Golden Gate und Sausalito hatten sich in nächtliche Lichterketten verwandelt, als mich ein Prioritäts-Komsignal erreichte.

Es war Admiral Da’Kshan vom Geheimdienst der Föderation.
+ Admiral T’Khellian, verzeihen Sie die späte Störung. Aber Ihre Expertise wird benötigt. + begann der Andorianer.

Ich bemühte mich, so dienstlich wie möglich auszusehen, trotz Bademantel. Es musste eine schöne Zeit gewesen sein, als es noch nur Audio-Kontaktmöglichkeiten gab, dachte ich kurz.

+… Sagt Ihnen Caerna Prime etwas? +

„Ich erinnere mich… eher dunkel, dass Jean-Luc Picard auf einem Galadinner einmal etwas erwähnte. Unschätzbare interessante archäologische Funde, aber gesperrt für die Föderation aufgrund religiöser Vorbehalte.“

+ Exakt. Es handelt sich um Heiligtümer der Kamalek, die heute auf den Welten Alpha und Beta Pavonis siedeln. Caerna Prime war nach einer kleinen Drift in der Umlaufbahn und größeren ökologischen Katastrophen verlassen worden, soweit wir wissen, vor 480 Jahren. Die Kamalek nahmen ihre gesellschaftlichen Spaltungen mit. Alpha Pavonis ist eine streng regierte Theokratie mit einem ‚Erlauchten Führer‘ an der Spitze, eine Mischung aus Papst und Imperator. Ich sende Ihnen genauere Informationen in diesem Moment… +

Mein Receiver signalisierte mit einem Aufleuchten das Eintreffen des Datenpakets. Ich bestätigte den Empfang, und Da’Kshan fuhr fort. + Trotz der Warpfähigkeit der Bewohner unterhält weder die Föderation noch andere Mächte diplomatische Kontakte zu Alpha Pavonis. Auf Beta Pavonis regiert ein demokratisch gewähltes Konsortium. Die Gesellschaft ist ausgesprochen laizistisch und materialistisch orientiert. Es dürfte für sich sprechen, dass Sie mit den Ferengi seit langem florierende Kontakte pflegen, aber erst vor drei Jahren ihre Fühler Richtung Föderation ausgestreckt haben – verzeihen Sie die Metapher. +
Er räusperte sich und warf einen Blick auf die Nachrichten, die sich in einem Holofeld auf dem Tisch befanden.
+ Nun, vor etwa einem Monat ist offenbar eine Gruppe religiöser Aktivisten von Alpha Pavonis nach Caerna Prime zurück gekehrt und hat dort ein Camp aufgeschlagen. Nach den Informationen, die uns von der Heimatwelt erreichten, ist es eine neue, ultrakonservative Sekte. Sie planen, eine permanente Siedlung zu errichten und vielleicht weitere Gefolgsleute nachkommen zu lassen. Die Regierung weiß wohl davon, und hat die Aktion nicht unterbunden. +

„Aber soweit ich mich erinnere, ist Caerna Prime neutrales Territorium….“

+ Genau DAS ist auch das Problem. +
Da’Kshans Fühler legten sich eng an seinen Kopf, während er fortfuhr. + Eine Patrouillenboje von Beta Pavonis registrierte die Aktivitäten, die den Verträgen der beiden Planeten widersprachen. Das Konsortium sendete eine formelle Beschwerde an den Erlauchten Führer, die ohne weiteres Ergebnis blieb – zumindest, was die Siedlergruppe auf Caerna Prima anbelangt. Daraufhin war man auf Beta Pavonis pikiert und schickte eine Polizeieinheit, um das Camp zu räumen. Was sie nicht erledigen konnten, da Alpha Pavonis vier Schiffe seiner Spezialtruppen schickte, um die bedrohten eigenen Bürger vor unberechtigter Gewalt zu schützen.+

Die Angelegenheit nahm den Lauf so vieler Konflikte auf so vielen Welten außerhalb der Föderation, dachte ich. Alles eskalierte. Und niemand dachte auch nur daran, für einen Moment inne zu halten und nach anderen Wegen zu suchen! Nein, beide Seiten schienen auf den Zwischenfall geradezu gewartet zu haben!

+…letzter Stand ist das offizielle Kommuniqué des Konsortiums, die Ilfrin-Passage zu blockieren. Das bedeutet nicht nur eine Blockade von Caerna Prime und Beta Pavonis, sondern der Handelsrouten, die dort verlaufen. Die Frachter müssten dann entweder durch romulanisches Territorium fliegen – und entsprechend Zoll zahlen -, oder durch den Caerna-Nebel, einer Mutara-Klasse. Die Föderation kann sich dort keinen Konflikt leisten. Weder wirtschaftlich, noch moralisch. Das sind Felix DeRaafs eigene Worte, und die Präsidentin sieht es nicht anders. +

„Also soll ich sehen, ob ich die Erfüllung des alten romulanischen Sprichworts ‚Wo die Religion herrscht, schweigt die Vernunft‘ abwenden kann? Ich danke für das Vertrauen, aber…“

+ Admiral, der OBH würde liebend gern die Dritte Flotte entsenden. DeRaaf hat darauf gedrungen, dass Sie zunächst alle diplomatischen Wege ausschöpfen. +

Ich ließ alles einen Moment lang sinken. Viel Zeit zum Nachdenken blieb in der Situation nicht, obwohl ich gern erst am nächsten Morgen meine Entscheidung gefällt hätte. Aber es stand zuviel auf dem Spiel. „In Ordnung, ich will sehen, was ich tun kann.“

Die Fühler des Geheimdienstadmirals bewegten sich in eine etwas entspanntere Position. +Ich danke Ihnen, auch im Namen von DeRaaf. Er wird sich sicher noch einmal persönlich melden. Sie werden mit der USS Picard reisen, als Kommandantin. Captain Sokar ist noch auf Vulkan zur Hochzeit seines Sohnes und würde nicht mehr rechtzeitig eintreffen können.+
[Bild: Sareth-neu.jpg]
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