Zwischen Licht und Finsternis / Log 2 / Sir Waltham
#1
Outer Rim / Carenna Ventaris System / Planet Nova Nevada / Insel-Archipel vor dem Hauptkontinent

Der Teil des Randbezirks der Galaxis, in welchem sich das Carenna Ventaris System befand, galt als am Ar… der Galaxis gelegen, völlig uninteressant aber idyllisch gelegen.
Auch der Planet Nova Nevada konnte durchaus idyllisch sein. Wenn man Sommertemperaturen von +75 Grad Celsius in der Zentralwüste und Tiefsttemperaturen von bis zu -80 Grad im Winter für idyllisch hielt. Über dem Inselarchipel vor dem Hauptkontinent gelegen, tobte ein Schneesturm mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 250 km/h, Diesem konnte so mancher Winterliebhaber durchaus etwas abgewinnen.
Reich geschnitzte Deckenbalken, schwere Holzmöbel, ein flackerndes Kaminfeuer und der Geruch edelsten Pfeifentabaks, all dies fehlte in dem riesigen Büro, welches sich gut 700 m tief unterhalb der Oberfläche befand. All dies, bis au den Geruch des Pfeifentabaks, dessen Rauch aus dem Kopf einer Pfeife aus edelstem Silber entstieg und von einer hervorragenden Klimaanlage an der Decke des karg mit Möbeln aus Stahl und Glas eingerichteten Raumes, abgesaugt wurde.
Kleine Deckenlampen von harter stechender Intensität. rissen den Schreibtisch, welcher lediglich aus einer schwebenden Glasplatte sowie einem Holoprojektor bestand, aus der bläulichen Dunkelheit des Raumes. Hier sollte sich nicht entspannt, sondern gearbeitet werden. Der Raum diente eher der Bequemlichkeit des Geistes, nicht des Körpers.
Der Mann, welcher an jenem Schreibtisch saß, war ein eindrucksvolle Erscheinung: Uber 2,10 m groß, grauhaarig , eisgraue Augen, bartlos. Seine Stimme, welche während des Diktierens eines Textes, durch den Raum drang, hatte die Tonlage eines tiefen Basses.
Der Mann stand jetzt auf und ging zu einem kleinen Schwebetisch um sich dort, in ein edles Kristallglas, aus einer ebenso edlen Karaffe , Wasser einzuschenken und mit einem Zug zu leeren.
Ja, Sir Walter Edward Waltham, Earl of Henderson House, könnte eigentlich zufrieden sein. Zufrieden mit seiner Position als inoffizielle, oberste Rechtsinstanz auf diesem Planeten. Dem ungeheuren Respekt, den ihm die einfachen Bergleute auf diesem Planeten entgegenbrachten, obwohl sie ihn nur seltenst zu Gesicht bekamen. Mit dem Einfluss welchen er auf die einzelnen Widerstandszellen in der Galaxis durch sein Informationsnetz ausübte, ohne dass diese überhaupt von seiner Existenz wussten. Mit dem was er tun konnte, ohne auch nur seine „Festung“ verlassen zu müssen.
Ja er könnte zufrieden sein, gäbe es da nicht die Ineffizienz so mancher Widerstandzellen. Ihre ideologische Verbelendung ließ sie die Notwendigkeiten einer effizienten Kriegsführung nicht erkennen. Und Ihr Idealismus war eigentlich eher Dilettantismus. Nein, damit konnte Sir Waltham nicht zufrieden sein.
Doch es gab seit einiger Zeit Hoffnung. Hoffnung jedoch nicht aus den Reihen des Militärs. Nein die Stimme, welche jetzt durch den Raum drang, gehörte einem Kleriker.

… dass dieses Imperium nur noch ein Schatten seiner einstigen Größe ist! Ein verrotteter, verkommener Schatten voller Dekadenz! Ein Sündenpfuhl! Das Terranische Imperium, das ausersehen war von der göttlichen Vorsehung, Wahrheit und Ordnung in die Galaxis zu bringen, ist zu einem Schlammloch geworden, in dem sich ihr Funktionäre und Militärs um die besten Möglichkeiten zur Bereicherung balgen! Es ist eine Schande! Es ist unwürdig! Dafür wird euch das Feuer der Hölle verbrennen! Im Namen der Heiligen Dreifaltigkeit, ich verspreche euch, ich werde --“

Sir Waltham wandte sich an seinen Sekretär, Harvey Miles, einen ehem. Marine der Raumflotte, welcher wie eine dunkle Statue neben der Tür zu den Privatgemächern des Earls stand.

SW: Dieser Richard von Rabenstein gefällt mir immer besser. Haben Sie dafür gesorgt, dass seine Botschaft auch bis zu den inneren Systemen gelangt?
Miles nickte.
Mi: Jawohl Sir. Wir haben auf Ladraka IV eine äußerst fähige Hackertruppe gefunden. Fähig und bis auf die Knochen korrupt. Diese haben sich in das imperiale Comnetz gehackt und übertragen jetzt , über 12 Relais, von Rabensteins Botschaft.
SW: Gut. Wie heißt es so schön? Wenn Du gegen ein korruptes Regime kämpfst, nutze die Korruption selbst.
Mi: Eine Weisheit von Sun Tsu?
SW: Nein, die Worte eines meiner Vorfahren.
Mi: War er Admiral, MyLord?
SW: Nein, Steuerberater

Sir Waltham begab sich zu einem Fenster, durch das man, angelegt in einer riesigen Höhle, einen üppigen Garten erblicken konnte. Waltham wies mit dem Finger auf die riesige, goldfarbene Blüte eines mannshohen Busches.

SW: Sehen Sie diese Blüte? Der Bhanskrebb-Busch blüht nur alle 10 Jahre für einen einzigen Tag. Dann zerfällt seine Blüte zu feinem Staub , sowie eine Nova ihr Leben in einem letzten Crescendo aushaucht und zu etwas Unscheinbarem wird. Ein wundervolles Aufblühen und ein feuriges Ende.
Anders als das Dahinsiechen des Imperiums, welches langsam zerfällt und verrottet, wie die absterbenden Blätter einer Sumpfpflanze. Zerfressen vom Schimmel der Korruption und der Selbstgefälligkeit. Zerwühlt von Maulwürfen wie dem Imperator. Zernagt und ausgesaugt von Insekten wie dem Adel und der Inquisition. Und das größte Insekt von allen ist LaSalle. Doch ich werde ihn zerquetschen. Mit den Händen anderer.
Mi: Mit den Händen Richard von Rabensteins?
SW: Nein, Richard von Rabenstein ist eher ein Mann des Geistes und des Planens. Und genau das ist sein Vorteil. Er hat etwas, was die blassen Bürokraten, die arroganten Militärs sowie die parfümierten Bischöfe des Imperiums nicht haben: Eine klare Mission, welcher er alles unterordnet: Die Wiedergeburt des Imperiums. Er ist eher der Nutzer, als das Werkzeug, Aber ich kann ihm das Werkzeug zugänglich machen.
Mi: Sollten wir Ihn dann nicht schnellstens kontaktieren? Schon um zu sehen, ob er wirklich Richard von Rabenstein ist? Zumal dieser ja offiziell verstorben ist und er ein Staatsbegräbnis bekommen hat.
SW: Es ist völlig gleichgültig, ob von Rabenstein aus der Hölle, oder aus dem Chaos zurück gekehrt ist. Wichtig ist nur seine Existenz. Und selbst wenn sie nur virtuell sein sollte. Alles was zählt ist sein Ruf. Und aus diesem Grund werden wir ihn auch nicht direkt kontaktieren. Er wird von uns wissen. Er wird sehen, welchen Vorteil unser Engagement ihm bringt. Und dann wird er uns kontaktieren. Jedoch nur, wenn es für ihn von Vorteil Und wenn er sich nicht meldet, dann bringt es ihm keinen Vorteil uns zu kontaktieren. Und eine erzwungene Zusammenarbeit mit ihm würde uns dann ebenso keinen Vorteil bringen.
Mi: Aber wir wollen doch genauso wie er, dass die Regierung des Imperiums entfernt wird?
SW: Wie wissen nur rudimentär was von Rabenstein wirklich will. . Und eines müssen wir immer sehen: Man kann diesen Krieg nicht mit Emotionen gewinnen. Nicht mit Sympathie. Sondern nur mit glasklarer Deduktion und Planung Es ist wie im Geschäftsleben: Verbünde Dich nur dann mit jemandem, wenn es Dir Vorteile bringt. Revolutionen werden am Ende eben nur durch Vorteile gewonnen.
Mi: Wir warten also?
SW: Exakt Miles, exakt.
Mi: Warten, Sir, ja auf dem abgesicherten Kanal warten die Vertreter der Ogwil-Minengemeinde, sowie der Bürgermeister von Dwalmdeep auf Ihren Rat bezüglich der Wasserrechte.
SW: Ich werde mich in 10 min. diesem Problem widmen. Danach ist die Stunde gekommen, welche ich für Debussy reserviert habe. Ich danke Ihnen Miles, ich benötige Sie heute nicht mehr.

Miles verbeugte sich und verließ den Raum. Sir Waltham stand noch einige Minuten vor dem Fenster, wie eine antike Statue in absoluter Reglosigkeit. Doch in seinem Kopf tobte ein Sturm aus Informationen und Möglichkeiten, welche seinen Geist anregte.
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