May-Fri-2019, 10:48 AM
(May-Thu-2019, 07:13 PM)Nalae D\Varo schrieb: es gibt ja den krieg zwischen kreationisten und den leuten, die an die evolutionstheorie glauben, aber vlt. haben die kreationisten die bibel dann nicht anständig gelesen? ;
Der Unterschied ist, dass es Gläubige gibt, die die Bibel WÖRTLICH nehmen, und jene Gläubigen, die sagen, hinter jeder Äußerung stehen noch weitere Sinnebenen. Für die einen ist die Bibel VON GOTT diktiert/geschrieben, für die anderen hat Gott die Schreiber INSPIRIERT. Die alten Kirchen (Katholiken, Orthodoxe...) gehen auf jeden Fall seit der Spätantike von einem vielfachen Schriftsinn der Bibel aus. Ich versuche das ansatzweise zu erklären:
Da steht z.B. im Alten Testament (also den Sachen VOR Jesus), die das "Hauptproblem" sind, Gott erschafft die Welt in 7 Tagen und stellt die Tiere halt fertig hin, oder Isaak verstößt seine Zweitfrau, oder die Israeliten ziehen durch das geteilte Rote Meere aus Ägypten heraus. Nimmt man die Bibel wörtlich, ist es genau so und nicht anders passiert, egal, was die Biologie, Astronomie und Archäologie dazu sagt. Im Alten Testament sind auch jede Menge fantastischer Altersangaben und Genealogien vorhanden (z.B. der und der wurde 540 Jahre alt, zeugte den und den Sohn, die wurden so und so alt...) und aus diesen Daten berechnen dann die Kreationisten das Alter der Welt.
Geht man mit dem sogeannten mehrfachen Schriftsinn heran, sind dieselben Stellen AUCH allegorisch, symbolisch, typologisch und eschatologisch zu deuten.
Demnach steht die Zahl 7 im Schöpfungsbericht laut Zahlensymbolik und ihrer mathematischen und damit "magischen" Eigenschaften für die Vollkommenheit Gottes (https://de.wikipedia.org/wiki/Sieben) = es sind 7 Schöpfungstage, weil Gott natürlich nur mit dieser hochbedeutsamen, komplexen Zahl "arbeiten" konnte.
Die Verstoßung der Frau kann allegorisch ausgelegt werden, dass der Mensch seine ablenkenden bösen Gedanken "verstoßen" soll.
Der Zug durchs Rote Meer wird gedeutet als Vorzeichen der Taufe (=durch das Wasser ziehen --> Taufe --> Reinigung --> Neugeburt), und zwar sowohl für das Sakrament der Kirche (allgemein) wie auch für die Taufe jedes einzelnen persönlich.
Das ist jetzt wirklich nur ansatzweise dargelegt. Im Kern geht es um die Interpretation der Bibel. Diese Interpretationsmöglichkeit erlaubte es den Kirchenvätern (3. - 5. Jhd.), auch die heidnischen antiken Philosophen und die antike Naturkunde wie die Elementenlehre mit den Bibelerzählungen zu verknüpfen. Wie sie das machten ist einfach atemberaubend. Diese alten Texte stecken so voller Wissen und dann passt plötzlich alles zusammen, was auf den ersten Blick nicht zusammen passt.... Der alte Papst Benedikt (Josef Ratzinger) , der konnte so predigen, das war einfach eine Offenbarung. Sonst findet man das heute eher nur noch selten in der Kirche. Da geht es meist um ganz handfeste, eher poltisierende Dinge.
Heute ist das (außer bei den Fundamentalisten, die die Bibel eben wörtlich nehmen) in den großen Kirchen so, dass vielfach an Stelle der alten Auslegungspraxis die Bibelkritik und die wissenschaftliche Textkritik getreten ist und man das alles schon in seinen Kontext einordnet ("man hat es damals eben so geübt und es eben nicht anders verstanden" etc) - allerdings stellt sich dann oft für den GLÄUBIGEN, nicht den Wissenschaftler, die Frage, was hat das jetzt noch mit mir zu tun? Aber das ist auch Teil der allgemeinen Kirchenkrise...
Auf diese Weise kann man vieles in der Bibel einfach heute nicht mehr lesen, weil es abscheuliches Zeug ist. Da lesen wir, dass eine Stadt erobert und alle ermordet werden, inklusive die Kinder, und anschließend danken die Israeliten, dass sie tolle Beute gemacht haben. Frauen werden sowieso wie der letzte Dreck behandelt.
Ich meine - völlig klar, das WAR so und so oder ähnlich hat sich das Dutzendfach abgespielt.
Aber nur, wenn man das symbolisch und allegorisch in eine höhere Bedeutungsebene hebt, kann man das TROTZ ALLEM für sich nutzbar machen, weil es dannn eigentlich immer um die Bekämpfung des Bösen in sich selbst geht, und um die Erlösungstat von Jesus Christus. ANSONSTEN liest man das und findet, dass da eigentlich mindestens drei verschiedene Gottesbilder vorgestellt werden, und mit den frühen Versionen möchte man eigentlich als Mitteleuropäer des 21. Jahrhunderts (aber viel früher auch schon!) nichts mehr zu tun haben.
Naja, ich hoffe, ich habe den Nebel etwas erhellt! (Habe ja kein Theologiestudium, mich nur intensiv mit dem mehrfachen Schriftsinn und der mittelalterlichen Auslegungspraxis beschäftigt)
![[Bild: Signatur-Rabenstein-neu.jpg]](http://www.uss-saipan.de/USS-Saipan/Signatur-Rabenstein-neu.jpg)

