Dämonen Log 19 Sokar
#1
*** Auf Ashani'ta / Große Ratshalle ***
 
Sokar war an diesem Morgen zur Ratshalle eskortiert worden. Das Verhalten der Einheimischen ihm gegenüber hatte sich nicht verändert, dennoch hatte er den Verdacht, es könne sich um eine Art 'Vorladung' wegen Howys Unternehmung letzter Nacht handeln. Denn trotz aller Vorsicht war es kaum logisch anzunehmen, dass die Ashani nichts bemerkt hatten. Ich habe mir nichts vorzuwerfen, dachte er ruhig. Meine Handlungen und meine Duldung von Mr. Edzardus Vorhaben waren von meiner Verantwortung für meine Crew diktiert.
 
Doch es stellte sich heraus, dass seine Beunruhigung keine Grundlage hatte. Die drei Bevollmächtigten des Rates empfingen ihn im großen, halbrunden Saal, dessen Kuppel sich bis in den Himmel zu strecken schien. Frei schwebende Kugeln verbreiteten ein angenehmes orangefarbenes Leuchten, das mit den vielfarbigen Algen, die Künstler an den Wänden in Muster arrangiert hatten, harmonierte. Dann erklang zu Sokars Überraschung ein Musikstück aus dem Fundus, der sich an Bord des Shuttles befunden hatte. Die Ashani hielten sie offenbar für die Nationalhymne ihrer Besucher, oder doch zumindest etwas, das enorme Bedeutung für sie hatte.
Nun, für Lt. Imar zumindest, einen Fan des terranischen frühen 20. Jahrhunderts... Sokar war froh, als einer der Ratsbevollmächtigten das Wort ergriff und die Musik verstummte.
 
"Sokar von Vulkan, Kommandant des Raumschiffes Picard, wir haben Sie rufen lassen, um den Beschluss zu verkünden, den der Rat in der letzten Sitzung gefasst hat: Wir werden Ihnen den Durchflug durch unser Gebiet erlauben - solange Sie der Route folgen, die wir festlegen und nicht von ihr abweichen. Gern nehmen wir Ihr Angebot an, uns an der Harmonie so vieler Musikstücke teilhaben zu lassen, wie es Ihnen möglich ist."
 
Sokar neigte in einer Geste der Dankbarkeit den Kopf und war so froh wie es ein Vulkanier sich erlauben konnte, dass die Sternenflotte IHN als Captain auf die Picard geschickt hatte und nicht einen Menschen oder einen Vertreter irgendeiner anderen Spezies, die ihre Emotionen nicht so gut unter Kontrolle hatten. Er bedankte sich höflich, gleichzeitig schoss ihm aber durch den Kopf, ob das Ganze nicht eine Falle sei... Du hast zu viel Zeit an der Seite von Romulanern verbracht, würde dein Vater jetzt sagen...
"Verehrte Bevollmächtigte, allerdings konnten wir noch immer keinen Kontakt zu unserem Schiff herstellen, was unsere rechtzeitige Abreise in Frage stellt," sagte er so neutral wie möglich. "Sie haben mir gesagt, dass Sie den Singham-Nebel nicht erforscht haben, da die Zone unter Tabu gestellt wurde vor Äonen. Können Sie mir irgendwelche Hintergründe zu der Frage nach dem Warum geben? Ich habe von ... gewissen Legenden über ein Volk mit gefährlichen magischen Kräften gehört, dass sich dorthin zurück gezogen haben soll. Jeder noch so kleine Hinweis könnte entscheidend sein, um das Leben meiner Crew zu retten und die Harmonie im Universum nicht zu schädigen."
 
Die Ratsbevollmächtigen steckten die Köpfe zueinander und unterhielten sich so leise, dass selbst Sokars vulkanische Ohren nichts verstehen konnten. Die übrigen Anwesenden im Saal hielten sich in respektvoller Entfernung.  Dann wandte sich der Sprecher wieder um. "Sokar von Vulkan, haben Sie mit den Verabscheuungswürdigen gesprochen?"
 
"Wenn damit die schwimmhautlose Spezies gemeint ist, die ebenfalls auf Ashani'ta lebt - ja. Korrekterweise lauet die Antwort: sie haben mit UNS gesprochen, nämlich unseren Kontakt gesucht."
 
Die strahlend gelbe Salamanderfarbe des Bevollmächtigten wandelte sich in ein blasses, trauriges Gelb. "Wir haben das befürchtet. Sie lassen keine Gelegenheit aus, die Harmonie zu stören, insbesondere vor den Laichperioden. Jegliches Gefühl für Einklang und Gemeinsinn geht ihnen ab."
 
Sokar registrierte, das man wohl nicht die Absicht hatte, ihn zu verhaften oder in irgendeiner Weise zu bestrafen.
 
"Haben Sie erzählt, wie sie von uns verfolgt wurden und Sie gebeten, ihnen behilflich zu sein in ihrer Revolution gegen uns?" fragte ein anderes Mitglied der Bevollmächtigten, der weniger wohlwollend als sein Partner schien.
 
"Bisher habe ich nur die Geschichte der Schwimmhautlosen gehört," erwiderte Sokar. "Ich bin bereit, Ihre Version zu hören. Eine Parteinahme ist mir von meinen Gesetzen her verboten. Es geht mir nur darum, der Gefahr zu begegnen, in der meine Crew ist. Und im Augenblick ist mir nicht völlig klar, wer für diese Situation verantwortlich ist."
 
Wieder tuschelten die Bevollmächtigten, dann ergriff der Blassgelbe die Initiative und geleitete Sokar in einen abseitigen Alkoven. "Das Unheil begann vor Äonen, als wir, die Ashani, noch nicht die Einzigen auf ihrer Welt waren. Es gab noch andere Wesen, auf dem Land, damals wesentlich weiter entwickelt als wir. Sie machten Jagd auf uns. Wir zogen uns immer weiter zurück in die Tiefen, für eine lange Zeit. Nur die Mythen sprechen noch davon. Dann begann die Periode der Erweckung. Wir kamen an die Küsten zurück, erhoben unsere Köpfe wieder über die Oberfläche - und stellten fest, dass wir allein waren."
 
"Sie wissen nicht, was mit jener anderen Spezies geschehen ist?"
 
"Wir konnten das Land nicht erforschen. Es gibt jedoch Theorien, dass sie sich selbst vernichtet haben. Sie waren gewalttätig, gierig und rachsüchtig. Das Universum hatte sie gestraft und uns den Frieden geschenkt. Das war vor vielen Jahrzehntausenden. Und Frieden hatten wir... bis die Mutationen auftauchten, Kinder ohne Schwimmhäute geboren wurden, die länger als wir an der Luft atmen konnten, die danach drängten, auf das Land zurück zu kehren. Es wurden mehr und mehr, warum wissen wir nicht. Wir fürchteten, die Zeit der Verfolgung würde erneut beginnen, wenn wir nicht die Harmonie wieder herstellten."
 
"Die Verfolgung des Anderen ist keine Möglichkeit, die Harmonie zu erhalten," sagte Sokar. "Die Vielheit ist es, die Harmonie schafft. So ist die Philosophie auf meiner Welt."
 
"Ich weiß." Vor den überraschten Augen Sokars streifte der Bevollmächtigte etwas ab, was der Vulkanier nun als eine Art Handschuhe erkannte. Dann hob er seine schwimmhautlose rechte Hand. "Wir müssen einen Weg der  Verständigung finden, einen Weg, mit den verschiedenen Stadien der Evolution zu leben. Das ist der Grund, warum ich Sie in den Singham-Nebel geschickt habe. Ja, ich habe die ausschlaggebende Stimme bei der Beratung gehabt. Wir müssen wissen, was dort aus den Exilierten geworden ist, und in wie weit sie eine Gefahr für uns darstellen. Aber wir konnten uns ihren Psikräften nicht aussetzen."
 
"Ich verstehe. Aber warum haben Sie uns das nicht vorab erzählt?"
 
Konnten die Ashani lächeln? Jedenfalls sah es aus, als ob sein Gegenüber entschuldigend lächelte. "Hätten Sie sich dann auf den Weg gemacht?"
 
"Sie sind ein guter Politiker."
 
"Aber ich wusste nicht, dass Ihr Schiff und Ihre Crew in so große Gefahr geraten könnte. Sie sind völlig anders als wir. Ich habe geglaubt, Sie wären immun gegen Psikräfte, wie man sie von den Landgehern erzählte. Es tut mir aufrichtig leid."
 
"Noch ist nicht gesagt, wer dafür verantwortlich ist, dass wir den Kontakt verloren haben. Darum haben ich und mein Begleiter beschlossen, zurück zu fliegen und zu sehen, ob wir die Spur der Picard aufnehmen können. Ein Mitglied der Schwimmhautlosen-Gemeinde hat angeboten, uns zu begleiten. Als Vermittler."
 
Der Ashani machte ein Geste der Abwehr. "Nein, Sie sollten nicht in Ihrem kleinen Shuttle reisen. Das ist zu gefährlich. Wir werden Ihnen ein Schiff zur Verfügung stellen. Und ... ich werde Sie ebenfalls begleiten."
[Bild: sokar.jpg]
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