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Zwischenlog 27 - Richard
#1
***Epsilon Eridanus / Hochsicherheitsgefängnis ***
 
Richard von Rabenstein stand in seiner Zelle in Meditationspose. Das half ihm vor allem, den unerwünschten Kontakt mit dem dreckigen Zellenboden oder der Pritsche gegenüber an der Wand zu vermeiden. Im letzten Moment war ihm gelungen, seinen Siegelring herunter zu schlucken - in weiser Voraussicht, denn bei seiner Ankunft hier wurde er durchsucht und seine Kleidung bis auf die Unterhose gleich einbehalten. Das war im Allgemeinen üblich: schließlich gab es Gesindel, das nicht nur banalerweise Waffen unter der Kleidung versteckte, sondern mittels Nanotechnologie diese selbst zu einer Waffe umfunktioniert hatte. Ganz abgesehen von den ganz Raffinierten, die sich einen Formwandler als Gürtel umschnallten! Er hatte bei seiner Ausbildung zum Inquisitor mit allen diesen Techniken Bekanntschaft geschlossen. Und in distanziertem Blick auf seine eigene Lage konstatierte er, dass die hiesige Polizei nicht sehr gründlich gearbeitet hatte. ER hätte den Delinquenten einem sofortigen Internscan unterzogen, um sicher zu stellen, dass er keine Bombe irgendwo im Körper trug! Solche Feinheiten gingen den Dilettanten hier offenbar ab.
 
Die herrschende Kälte zwang sich unangenehm in seine Überlegungen. Das hier war keine akademische Betrachtung. Keine Simulation. Er stand hier, er war das Opfer - und es sah nicht besonders gut für ihn aus. Natürlich würden sie ihn nicht hier auf dieser Polizeiwache umbringen, so viel war klar.
Ich kann LaSalle kaum Informationen liefern, die er nicht selbst hat. Zumindest glaubt er das... Ich bin hauptsächlich eine Symbolfigur für ihn. Er wird Wert darauf legen, mich in präsentablen Zustand zu erhalten, damit er seinen Sieg öffentlich feiern kann.
 
Richard hätte fast das Gleichgewicht verloren und konzentrierte sich, das Schwerezentrum seines Körpers wieder exakt so auszubalancieren, das er mit der geringsten Kraftanstrengung fest stehen konnte. LaSalle! Ich hätte dich mit einer fingierten Häresieanklage aus dem Weg räumen sollen, als ich noch Gelegenheit hatte! Eine schwere Unterlassungssünde!
 
Seine rechte Hand legte sich auf das Tattoo über dem Herzen und er erinnerte sich an den Tag, an dem er das Signet erhalten hatte. Er war gerade 17 Jahre alt gewesen, das erforderliche Mindestalter für eine dauerhafte Dienstverpflichtung. Einer der Jüngsten an jenem Tag. Die feierlichen Worte Großinquisitor Constantius hatten sich in seine Seele eingegraben wie das Tattoo in sein Fleisch. Obwohl sie für jeden der Kandidaten gesprochen wurden, hatte er das Gefühl gehabt, dass sie nur ihm, ihm allein galten. "Du wirst eine der Säulen des Imperiums sein, die seine Unversehrtheit im Glauben bewahrt, eine seiner Geisseln, die das Böse ausmerzt. Einer der Fackelträger des Lichtes und der Wahrheit in der Finsternis des Universums."
 
Entfernt klang etwas wie Donnergrollen. Richard schenkte dem Geräusch keine Beachtung. Erst als die schmalen Lichtschlitze über ihm in der Decke erloschen, schnellten seine Sinne alarmiert in die Wirklichkeit zurück. Er streckte vorsichtig die Hand Richtung Sicherheitsschleuse aus und stellte fest, dass das dort befindliche Kraftfeld verschwunden war. Was geht hier vor? Einen Moment darauf erschütterten zwei kleine Explosionen die Zelle, dann waren mehrere blaue Lichtblitze an der Schleuse zu sehen. Richard wich soweit es ging zurück. Was auch immer sich dort abspielte, kostete jede Menge Energie, und jede Menge Energie konnte sich rasch destruktiv auf einen menschlichen Körper auswirken...
Bald waren Frakturen in der Hochsicherheitsschleuse zu erkennen, und er konnte Stimmen auf der anderen Seite hören. Da plant nicht etwa jemand, mich 'auf der Flucht' zu erschießen, oder?
 
+Richard von Rabenstein?+ Die Frage klang elektronisch moduliert, wohl aus einem Helmlautsprecher. Und tatsächlich waren in der sich zu einem zwei Handbreit erweiternden Riss ein Vollhelm und gepanzerte Handschuhe erkennbar.
 
Er war sich nicht sicher, ob und was er antworten sollte. Andererseits erübrigte sich in der nächsten Sekunde jegliche Überlegung, denn jemand schien die elektronische Verriegelung geknackt zu haben. Das beschädigte Schott glitt mit einem harmlosen Seufzer auf und zwei Helmscheinwerfer streiften über seine Gestalt.
+Exzellenz, ich hoffe nicht, dass man Sie der Sprache beraubt hat?+
 
Gut, sie wussten also, wer er war. "Ich bin im Vollbesitz meiner Fähigkeiten," antwortete Richard so würdevoll, wie es angesichts der Lage möglich war.
 
Eine Hand griff ihn an der Schulter und dirigierte ihn mit Nachdruck aus der Zelle. +Ich nehme an, Ihnen ist an einem raschen Ortswechsel gelegen.+ Der Gepanzerte wandte sich an seinen Begleiter. + Was ist mit der Transportereinheit?+
 
+Nicht benutzbar, Major. Die ganze Facility ist mit mehreren autarken Sperrfeldern ausgerüstet. Die Generatoren können überall  sein.+
 
+Dann also vorwärts!+ Aus den anderen Zellen klang lautes Hämmern und Hilferufe. Da jede Schleuse individuell gesichert war, löste die zentrale Stromunterbrechung keine allgemeine Befreiung aus. Die beiden gepanzerten Männer, an deren Uniformen und Helmen Richard kurz die Zeichen des ISOPS (Imperial Special Operations) erkannt hatte, bugsierten ihn einen Laufgang hinauf und dann an mehreren bewusstlos hingestreckten Wachleuten durch einen dunklen Gang.
 
Plötzlich näherten sich Stimmen von gegenüber. Richard erkannte Anselmus, und wenig später umrissen Helmscheinwerfer auch seine Gestalt. Er kämpfte darum, mit den Soldaten Schritt zu halten, während er sich freute: "Ah, ich wusste, dass der gute Herr Jesus uns nicht in diesem Loch sitzen lassen würde! Ich wusste es! Der Herr rettet seine treuen Diener aus der Not! - Apropos treuer Diener, Sie haben nicht zufällig meinen Wolfshund draußen im Hof gesehen??? Herodes heißt er."
 
Er bekam keine Antwort, denn die beiden Helmträger waren mit ihrem Auftrag beschäftigt. Ein Surren im Hintergrund signalisierte außerdem, dass sich irgendwo eine Disruptor-Überladung anbahnte. Wahrscheinlich war einer der Betäubten nicht so weggetreten, wie sie gedacht hatten...
 
+Raus, schnell! Schnell, verdammt noch mal!!!+ 
Anselmus flog beinahe durch die offene Tür in den Vorraum zum Hof, Richard hechtete mit einem Sprung hinterher, während die Gepanzerten Deckung gaben. Im nächsten Moment verwandelte ein Krachen die Nacht in weißglühendes Höllenfeuer. Es regnete Schutt und Asche.
In dessen Mitte lag, lauernd wie der Leviathan, das gepanzerte Sturmshuttle.
+Los!!!+
Sie rannten auf die sich öffnende Luke zu und ins Innere, während die Triebwerke bereits hoch gefahren wurden. Hinter ihnen stürmten nun auch andere Gefangene aus den Trümmern.
 
"Herodes! HERODES!!!" brüllte Anselmus, hatte aber keine Chance gegen den Soldaten, der ihn ins Innere des Gleiters beförderte. Da zischte etwas dunkles, bepelztes pfeilartig aus einer Ecke des Hofes, war mit einem Satz auf der Luke und mit dem nächsten Satz in den Armen seines glücklichen Herrchens.
 
Das Shuttle erhob sich und steuerte durch die Reste des Kraftfeldes über dem Hof, das an den Rändern noch orangefarben glomm. Richard klammerte sich an einer der Wandspanten fest, während das Gefährt rasch an Höhe gewann. Ich bin frei, ich bin tatsächlich wieder frei. dachte er noch immer etwas ungläubig und bemüht, sich vor allzu großem Enthusiasmus zu hüten. Er musterte den Soldaten mit dem Majorsabzeichen, der sich gerade den Kampfharnisch abschnallte.
"Darf ich fragen, wem wir unsere Rettung verdanken?"
 
Das Helmvisier glitt zurück und offenbarte ein scharf geschnittenes Gesicht mit eisgrauen Augen. +Major Schmitt-Rottloff, in speziellen Diensten eines gemeinsamen Bekannten: Robert Vandenberg."
[Bild: richard-sig-klein.jpg]
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