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Zwischenlog 26 Sokar
#1
*** Eridanus / Raumhafen ***
 
Es war früher Nachmittag, doch der trübselige, regnischer Tag hatte kaum gewagt, sich von der Dämmerung zu lösen. Eisiger Wind fegte durch die Straßen rings um den Raumhafen. Sokar, der noch immer die einfachen, ihm und den anderen Flüchtlingen von Vanguard zugestandenen Kleidungsstücke trug - schließlich konnte man keine Leute halb nackt herum laufen lassen, da würde die imperiale Ordnungsbehörde einschreiten - fror dennoch nicht. Jemand, der die arktische Eishölle von Vanguard überlebt hatte, brachte so leicht nichts mehr zum Frösteln. Im Gegenteil, eigentlich fand er es ganz angenehm hier. Auf der 'Golden Empress' war es ihm und den anderen viel zu heiß gewesen. Nein, Kälte war hier nicht das Problem. Auch Nässe nicht unbedingt. Irgendwo würde sich schon ein halbwegs trockener Lagerplatz für die Nacht finden. Nur Hunger hatte er. Das war überhaupt ein Gefühl, das ihn immer begleitete. Die letzten beiden Jahre hatte seine Prämisse gelautet, genügend Proteine zum Überleben zu ergattern. Egal wie und wovon. Das hatte dafür gesorgt, dass er sich auf dem Schiff alles an Nahrung genau eingeteilt und wenn möglich, Teile davon getrocknet hatte, um so eine Notration zu haben. Doch nun war er bereits drei Tage hier und die Reserven bis auf ein paar harte Krumen aufgebraucht.
 
Sokar wanderte die Straße entlang, musterte die geschäftigen Arbeiter, Beamten und Durchreisenden und versuchte sich klar zu werden, was er tun sollte - abgesehen davon, etwas zu Essen zu organisieren. An Arbeit war nicht zu denken. Als Nichtmensch brauchte er innerhalb des Imperiums spezielle Papiere, um irgendwo einen Dienstkontrakt eingehen zu können. Lhoal hatte ihm angeboten, ihn mit in die Rihannische Autokratie zu nehmen. Schließlich, so hatte der Romulaner gesagt, hatte der Prätor ja sein Wohlwollen allen Verwandten des rihannischen Blutes zugesichert, also auch den Vulkaniern. Und Sokar sei sein Kampfgefährte; jeder der etwas gegen ihn hätte, könnte es ja gerne auf ein Duell mit Riov Tr'Khellian ankommen lassen...
 
Sokar hatte tatsächlich überlegt, das Angebot anzunehmen. Lhoal war der erste Romulaner gewesen, in dem er mehr als einen Verbündeten der Terraner und damit einen Feind wahrgenommen hatte. Aber dann hatte er in einem der unablässigen Albträume wieder das Gesicht dieses imperialen Offiziers gesehen, der ihm mit süffisanter Schadenfreude serviert hatte, sein Sohn sei noch am Leben. Und wenn er am Leben war, dann im Terranischen Imperium... Nur hier konnte er ihn finden, nicht in der Autokratie oder an der Seite Lhoal tr'Khellians, der sich auf einen Rachefeldzug gegen die klingonischen Rebellen eingeschworen hatte.
Nein, nur hier!
 
Der Vulkanier blieb stehen. Er stand fast vor dem Haupteingang des Raumhafens, dessen funktionale stahlgraue Fassade mit den übergroßen allegorischen Figuren sich drohend in den wolkenverhangenen Himmel erhob. Das Wappen des Imperiums, das auf diesem Grenzplaneten ohnehin omnipräsent war, strahlte in Neonblau über dem großen Portal. Sokar hatte das Gefühl, das Schwert bohre sich ihm durch den Körper anstatt durch die stilisierte Weltkugel. Ich muss den Kampf wieder aufnehmen... Ich brauche Gefährten... Ich brauche Waffen...
 
Über ihm fauchte der Antrieb von schweren Gleitern. Polizei, wie das Signet auf der Unterseite verkündete. Sie hielten auf die Außenbezirke zu - vielleicht war dort eine Dissidentengruppe aufgeflogen. Die beiden großen Videowände seitlich des Raumhafens, die bisher die Litanei der Zollbestimmungen heruntergebetet hatten, wechselten zum Konterfei Großkanzler Van Malnens, dessen markige Stimme im gleichen Moment über den Vorplatz donnerte:
+Bürger des Imperiums! Erfüllt eure Pflicht! Dient dem Gesetz! Denkt daran, Pflichterfüllung und Treue zum Imperium sind die Basis eurer Sicherheit! Bringt zur Anzeige, wer den öffentlichen Frieden stört! Meldet verdächtige Vorgänge! Erweist euch als gute Bürger!+
 
Sokar hätte am liebsten einen Stein oder sonst irgendetwas gegriffen, und das widerliche Gesicht auf den Videowänden zu zerschlagen und zum Schweigen zu bringen. Aber das nützte niemandem, rief er sich zur Ruhe. Auch wenn er von der Philosophie der Logik nicht viel hielt - das wäre wirklich unlogisch gewesen und hätte ihn höchstens an Bord eines eben solchen Polizeigleiters gebracht!
Der Geruch von etwas Essbarem stieg ihm in die Nase. Er drehte den Kopf und sah, wie aus dem nahegelegenen Imbiss eine Frau mit einer Schüssel getreten war, deren Inhalt jetzt in eine Mülltonne wanderte. Leider waren in der buchstäblich nächsten Sekunde eine ganze Horde dieser kleinen, affenähnlichen Kreaturen am Ort, die hier überall durch die Straßen huschten.
 
Sokar wandte sich ab. Auf den Bildschirmen am Raumhafen wurde jetzt eine polizeiliche Suchmeldung durchgegeben. Ein Terraner diesmal. Moment, ich kenne diesen Kerl... Richard von Rabenstein... ja, von der ISS Picard...Er scheint ja ganz oben auf der Freundesliste des Großkanzlers zu stehen... Der Vulkanier fühlte eine gewisse Irritation bei der Erkenntnis, dass er mit dem verhassten Inquisitorenkraken plötzlich auf einer Stufe stand. Der Krieg gegen die Borg und das Zerbrechen der Allianz hatte das so wohl geordnete Universum - SEIN wohlgeordnetes Universum - tatsächlich in ein chaotisches System verwandelt, über das keine Vorhersage mehr zu treffen ---
 
Er brachte den Gedanken nie zu Ende. Ein Arm hatte sich um seinen Hals geschlungen, eine Hand tastete in der Suche nach Wertvollen über seinen Gürtel und in die Taschen. Das da nichts zu finden war, brachte den Räuber in Rage. Er stieß Sokar gegen die Wand, holte zum Schlag aus. Zwei Passanten warfen ihnen einen raschen Blick zu, erkannten, dass es sich um Alien-Pack handelte, das "ruhig seine Probleme unter sich lösen sollte!"
Als das Lachen eines der beiden verklang, sank der Angreifer gerade leblos zu Boden.
Sokar wischte sich über das Gesicht. Aus einer Platzwunde über dem Auge sickerte Blut.
 
"Nicht schlecht."
 
Er drehte sich in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war und erkannte eine Frau in einem Hauseingang.
 
"Du solltest da weg kommen. Es ist gleich Zeit für die Patrouillendrohnen. Tote auf offener Straße haben die nicht so gerne."
 
Sokar sagte nichts. War das eine Falle?
 
Sie trat näher. "Ich könnte jemanden wie dich brauchen. Jemand, der den vulkanischen Todesgriff beherrscht. Interessiert?" Sie war eine Terranerin, jedenfalls schien es so nach dem Bisschen, was er im Streiflicht von ihrer Gestalt sehen konnte.
 
Terra. Das Imperium. Mein Sohn. Sokar entschied, was auch immer das Angebot dieser Person umfasste, es würde besser sein, als verhaftet zu werden oder zu verhungern. Also folgte er ihr ins Innere des Hauses. Es war eine logische Entscheidung.


[Bild: Sokar-mirror.jpg]
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