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Zwischenlog 22 Richard von Rabenstein
#1
*** Auf Epsilon Eridani / Raumhafen ***

Richard von Rabenstein und Dani, der mit hundeähnlicher Treue an ihm hängende Terraner aus Galubs Verbrecherbande, hatten die "Clover 13" nach längerer Vorbereitungszeit verlassen und waren ohne Probleme durch die Einreisekontrollen des Imperiums geschlüpft. Das war weniger der Perfektion von Richards Holomaske zu verdanken, die den Scannern dennoch sofort aufgefallen wäre, sondern dem kleinen Köfferchen erlesenster Drogen, das bei den Kontrollen den Besitzer wechselte. Metaphysiologische Aufputschmittel waren etwas, das immer ging in diesen Zeiten, oder besser noch: gerade in diesen Zeiten der Trübsal und Tristesse...
Der blankpolierte Rumpf eines in der Nähe stehenden Gleiters spiegelte Richards neues Erscheinungsbild: Ein unauffälliger Allerweltsanzug, darüber ein unauffälliges Allerweltsgesicht mit braunen Augen, Schnurrbart und schütterem dunklen Haar. Wer mochte Dani bei seinen Programmierkünsten die Anregungen gegeben haben? Nun, das war gleichgültig, Hauptsache, das Gesicht stand auf keiner Fahndungsliste!
 
"Da drüben ist dieser Kerl wieder!" brummte Dani und zog den Kopf zwischen die Schultern, während er an seiner portablen Wasserpfeife sog.

"Wer?"

"Dort an der Ecke! In der Mönchskutte! Ich hab den schon hier lungern sehen, seit wir angekommen sind. Glaub, der hat uns im Visier!"

Einer von LaSalles Spionen? Der Inquisitor entsann sich des Mordkommandos auf dem Schrottplaneten. Galub und seine Crew mögen nicht wissen, wer ich bin, aber-- Seine Gedanken brachen ab. Oder wissen sie es und verhandeln über meinen Preis? Er fühlte sein Herz plötzlich rascher schlagen und sah sich nervös zu Dani um. Hatte er vielleicht...? Nein, das ist absurd. Wenn sie mich verkaufen wollten, säße ich eingesperrt auf der "Clover"! Er atmete tief durch. Und dieser Kerl da? Nein, wenn sich LaSalle nur noch solche Schergen leisten konnte, die so offensichtlich nervös waren, dann war ohnehin nicht viel zu erwarten! Er machte kehrt und schritt zielstrebig auf den dicken Mann in der Kutte zu.

Der Mönch zuckte sichtbar zusammen.

„Ich hörte, Sie haben Interesse an unserem Schiff?“ fragte Richard gerade heraus. Der andere Mann hatte Angst, das konnte er jetzt deutlich spüren. Nein, ein Kopfgeldjäger oder Spion war er nicht… oder zumindest keiner von der erfahrenen Sorte. Vielleicht aber einer, der sich eine kleine Pfründe verdienen wollte…

„Ihr sollt einen jungen Terraner an Bord der Clover haben. Den ihr vielleicht … verkaufen wollt?“

„Wir dealen nich mit Lustsklaven,“ mischte sich Dani ein und schnüffelte an seiner kleinen Pfeife.

Der fette Mönch hustete. Auf seiner Stirn glänzten kleine Schweißtropfen. Dann fischte er aus seiner Tasche einen Holochip und flüsterte kaum hörbar: „Diesen Mann suche ich.“

Richard sah in das etwa drei Jahre alte Konterfei seiner selbst. „Hm. Interessant. Die Kirche verbietet die Kopfjagd, das weißt du doch, Mönch?“

„Ja. Jaja, natürlich.“ Er wischte sich mit der Hand über die schweißbedeckte Stirn, ehe er murmelte: „Es ist immens wichtig, dass ich ihn finde!“

Das kann ich mir vorstellen! „Hast du ein Breviatus von Großinquisitor LaSalle?“

Der Mönch zwinkerte. „Ja, na klar.“ Erwiderte er dann wenig überzeugend.

„Nun, dann kannst du ihm bestellen, dass der Gesuchte bei uns durch die Luftschleuse gewandert ist. Mangelnde Obödienz.“ Einen Sekundenbruchteil zu spät merkte Richard, dass seine Wortwahl seinem Outfit nicht angemessen war. Aber der Mönch war so geschockt ob dieser Worte, dass er diesen Faux pas gar nicht bemerkt hatte.

„Tot? Richard von Rabenstein ist tot? Und … haben Sie… Beweise?“

Der Inquisitor angelte nach dem Amtsring, der an einem Lederband um seinen Hals hing und hielt ihn dem perfiden kleinen Handlanger und Pfründenjäger unter die dicke Nase. „Glaubst du, dass hätte er freiwillig abgegeben? – So und jetzt mach‘ dich weg und lungere nicht länger an unserem Schiff herum! Das ist geschäftschädigend!“

„Genau!“ pflichtete Dani bei. „Die Kunden denken sonst, wir haben was mit der Inquisition zu tun!“

Ohne dem Mönch weitere Aufmerksamkeit zu gönnen, bestiegen die beiden Männer eines der öffentlichen Transportmittel in Richtung des Archives der Inquisition.

 
*** Archiv der Inquisition ***

Richard war vor knappen zehn Jahren einmal hier gewesen und erinnerte sich noch an den groben Aufbau des Gebäudes.

"Keine Sorge," sagte Dani, während sie die Schwebebahn verließen und auf das flache, von einer neobarocken Kuppel überwölbte Archiv zuhielten. "Ich hab' alles im Griff. Das Virus wird die Sicherheitssensoren gerade lang genug abschalten, dass Sie durch die Sperren kommen, Pater Ricardus."

Wie kann ein Mensch so begabt mit Computern und so beschränkt in den alltäglichen Dingen sein?!"Ich habe dir hundertmal gesagt, verwende nicht meinen Namen!" zischte er zurück.

"Die heiligen Engel werden Sie beschützen!"

"Wir wollen ihnen aber nicht noch mehr Arbeit bereiten, als sie ohnehin schon haben." Sie näherten sich dem Hauptportal, einem großen, aus weißem Marmor gemauerten Bogen mit den Insignien der Inquisition. Hinter ihm betätigte Dani eine Fernsteuerung, die den gestern über einen orbitalen Datenhub eingeschleusten Virus aktivierte und Richard betätigte die Meldeanlage.

"Raphael Toureaux, Subassistent des Koadjutors des Fürstbischofs von Luzern," stellte er sich vor.

+Grund Ihres Besuches?+

"Nachforschungen über häretische Umtriebe innerhalb der Marssiedlungen. Sekundäres Jurisdiktionsgebiets des Fürstbischofs von Luzern."

Ein kurzes Prickeln überlief ihn und signalisierte den Tiefenscan. Mit nur Nanosekunden Verzögerung löschte Danis Virus die empfangenen korrekten Daten und ersetzte sie durch das falsche Profil, bevor sie zur Überprüfung weitergeleitet wurden. Als die Pforten des Archivs sich öffneten, glitt ein feines Lächeln über die Lippen des Inquisitors. LaSalle, wenn du wüsstest, dass ich hier bin, quasi vor deinen Augen, in deinen heiligen Hallen... und mit Gottes Hilfe dabei, ein Mittel zu finden, dich zu vernichten...

Dani blieb draußen auf dem Gelände zurück und wartete auf seinen weiteren Einsatz. Während Richard sich über Laufbänder und Rolltreppen durch weiße, lichtdurchflutete Flure mit gewölbten Decken und den ab und an leuchtenden Informationsterminals bewegte, spürte er, wie sehr er dies alles vermisst hatte in den letzten Jahren. Diese Helle, die Sauberkeit, die Klarheit, die Stille!
Er betrat den Hauptsaal des Archivs - ein klassischer Raum in Lesesaaloptik mit großen Pseudofenstern, aus denen künstliches Licht hereinfiel und Gemälden an der Wand, die die Großtaten der Inquisition bei der Wissensbewahrung feierten.
Die großen Server, die dieses Wissen speicherten, standen mehrere Stockwerke tief unter diesem ätherischen Saal. An einer geschwungenen Theke, die auf einem Band blauen Lichtes zu schweben schien, wurde ihm ein Arbeitsplatz zugeteilt. 

"Falls Sie etwas zu kopieren wünschen, erteilen Sie bitte einen Auftrag. Die File wird ihnen dann umgehend zugestellt," sagte der Angestellte. "Unautorisiertes Kopieren wird nach Archivgesetz Paragraph 4 Absatz 23 bestraft und hat sofortiges Erlöschen der Rechercheprivilegien zur Folge."

"Selbstverständlich. Vielen Dank."

Viele Besucher hatte das Archiv seit dem Krieg gegen die Borg nicht mehr. Außer Richard arbeiteten nur noch zwei weitere Personen an ihren Terminals. Er setzte sich, aktivierte die holographische Tastatur und den Bildschirm.

Alles ist hier, unter meinen Fingerspitzen.... alle Informationen... Geheimakten, Konferenzprotokolle, Korrespondenz-Zweitschriften... Ein Schauder der Vorfreude durchlief ihn. Die Besessenheit, Wissen über alles und jeden in der bekannten Galaxis zu sammeln, war einer der Grundpfeiler der modernen Inquisition. Wissen war Macht. Wissen ermöglichte, aus dem Hintergrund die Fäden zu spinnen und zu ziehen, jene dem Ruin zu überantworten, die man ihm überantworten wollte und jene zu erheben, die man als nützlich betrachtet. Wissen war der Motor des Seins, der Galaxis! Eine der Lektionen, die ihm Valentinian Constantius eingehämmert hatte. Leider hast du sie selbst nicht gut genug beherzigt... sonst hättest du vom Coup des Großkanzlers gewusst anstatt ihm ins offene Messer zu laufen...

Richard loggte sich mit dem an der Theke erhaltenen Code ein und kopierte über eine spezielle Linse im Auge alles, was ihm vielversprechend erschien in den dafür erweiterten Speicher seines Holofilters.
[Bild: richard-sig-klein.jpg]
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