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Griff in die Geschichte Log 8 Hohardus Edzardus
#1
==========  Abend des 8. November 1923 – Bürgerbräukeller  ==========
 
Alle waren sich einig, daß sie zu dieser Veranstaltung gehen müßten, denn sie vermuteten, daß auch Jake Gerschoni da auftauchen würde, denn die Teilnahme und eine Rede Hitlers war angekündigt worden.
 
Sie wußten aus der Datenbank, daß die Lage in Bayern extrem zugespitz war. Bayern hatte sich de facto von der Weimarer Republik getrennt und Hitler wollte diese Situation für sich ausnutzen und einen Putsch anzetteln.
Und dieser würde heute verkündet werden.
Hitler und General Ludendorf hatten diesen Zeitpunkt gewählt, weil sie sich sicher waren, zumindest große Teile des Offizierschorps in München und Bayern auf ihrer Seite stehen zu haben.
 
Es war nicht sehr weit bis zum Bürgerbräukeller. Und schon von Weitem stellten sie fest, daß es schwierig werden würde, überhaupt noch einen Platz im Saal zu bekommen.
Und von Gerschoni war weit und breit nichts zu erkennen. Die Scanner zeigten schlicht nichts.
 
„Trotzdem, der Kerl ist da drin oder kommt,“ stellte Howy fest. „Das dürfte eine der seltenen Chancen sein, in die Nähe Hitlers zu kommen. Wir müssen da rein!“
 
Das Team hatte sich noch schnell auf der Picard ein paar Nazi-Memorabilien herstellen lassen. So trugen alle jetzt Armbinden mit einem Hakenkreuz drauf und kleine Fähnchen.
Und als sich ihnen ein breitschultriger SA-Mann in den Weg stellte, machte das offensichtlich Eindruck, denn er ließ die kleine Gruppe unkontrolliert durch.
 
„Es ist ja kaum zu glauben,“ stöhnte Howy, „endlich mal keine Kontrolle und das Vorzeigen von irgendwelchen Papieren. Ich wüßte auch gar nicht, welche wir denn diesmal hätten vorzeigen müssen? Ein Parteibuch etwa? Gab es das denn damals … äh … heute überhaupt schon?
Irgendwie erinnert mich diese Zeit hier an einen alten Spruch: Von der Wiege bis zur Bahre: Formulare! Formulare!“
 
Nalae lachte: „Ist doch egal. Die Hauptsache ist, daß unsere Ausstattung offensichtlich sehr überzeugend war und wir drinnen sind.“
 
Der Saal war ein Meer von Hakenkreuzflaggen und das Gedränge war unglaublich.
Nahezu alle Anwesenden trugen Insignien der NSDAP.
Und alle hatten einen Krug Bier in der Hand.
 
Howy grinste: „Ich denke, wir sollten uns ebenfalls mit so einem Glas bewaffnen, denn sonst könnten wir negativ auffallen.“
Er hatte schon ein paar dieser Geldscheine aus der Tasche gezogen, auf denen geradezu unglaubliche Summen standen, aber das erwies sich als unnötig, denn die Getränke wurden von der Partei gesponsert.
Von Jake war nirgends auch nur die kleinste Spur zu entdecken, und doch mußte er hier sein, da waren sich alle sicher.
 
Plötzlich wurde es grabesstill.
Ein Mann betrat das Podium am Ende des Saales.  Es war Gustav von Kahr. Er war nach der faktischen Loslösung Bayerns von der Weimarer Republik zum Generalstaatskommissar mit diktatorischen Vollmachten ernannt worden und hatte die Befehlsgewalt über die bayerischen Teile der Reichswehr.

Noch am 20. Oktober hatte er verkündet:
„Es heißt für uns nicht: Los von Berlin! Wir sind keine Separatisten. Es heißt für uns: Auf nach Berlin! Wir sind seit zwei Monaten von Berlin in einer unerhörten Weise belogen worden. Das ist auch nicht anders zu erwarten von dieser Judenregierung, an deren Spitze ein Matratzeningenieur (Anm.: damit war Reichspräsident Friedrich Ebert gemeint) steht. Ich habe seinerzeit gesagt: In Berlin ist alles verebert und versaut, und ich halte das auch heute noch aufrecht.“

Er stand aber einem Putschversuch Hitlers skeptisch gegenüber und forderte in seiner Rede die Anwesenden auf, sich zurückzuhalten und die Entwicklungen in Bayern abzuwarten.

Da plötzlich wurde die Saaltür aufgerissen und Hitler, Ludendorf, Göhring und weitere Typen stürmten herein.
Hitler zog eine Pistole und schoß in die Decke, daß der Putz rieselte, um sich Aufmerksamkeit zu schaffen, was ihm natürlich gelang.
 
Nalae hatte sich ein wenig an Mahan gekuschelt um sich sicherer zu fühlen, außerdem standen sie dicht bei Mort, denn er schaffte es, sich trotz des Gedränges von etwa 3000 Menschen ein wenig Raum zu verschaffen.
Seine Muskeln waren ja unter dem Holobild auch nicht zu erkennen.
 
Howy grunzte: „Wenn es hier jetzt eine Schlägerei gibt, sehen wir alt aus ohne irgendwelche Schutzfelder um uns herum.
Das ist ja wie im Holodeck ohne Sicherheitsprogramme.
Man stelle sich mal vor, ich würde hier jetzt um mein bißchen Leben kommen? Was wäre dann mit der Picard in ferner Zukunft?“
 
Vandenberg hob die Braue: „Ich denke, die würde im Zweifelsfall auch ohne Sie fliegen.“
 
„Sehr beruhigend,“ bemerkte Howy, sich dann aber doch wieder auf die Ereignisse konzentrierend, wobei Alle versuchten, die Massen zu beobachten, um Jake eventuell rechtzeitig entdecken zu können. Aber bisher vergeblich.
Wollte er vielleicht erst einmal die Lage peilen und dann vielleicht morgen zuschlagen?
 
Inzwischen trieb Hitler Kahr und zwei weitere Männer, die Howy nicht identifizieren konnte, in ein Nebenzimmer, und er erinnerte sich nicht daran, über die Geschehnisse dort in der Datenbank etwas gelesen zu haben, aber er hatte sich auch nicht derart tief in die Materie versenkt, wie er zugeben mußte.
 
Kurz darauf tauchten die Leute wieder auf, und Kahr und die beiden anderen forderten die Menge auf, den für morgen geplanten Staatsstreich zu unterstützen und auf dem Odeonsplatz zum großen Marsch auf die Feldherrnhalle zu erscheinen und dem deutschen Volk zu zeigen, was der Wille eben dieses sei!
Hitler und Ludendorf standen hinter den Dreien und lächelten maliziös, denn sie waren vom Erfolg ihrer Aktion überzeugt.
 
Deutschland lag nach dem großen Krieg in Scherben. Das Gros der Kohlenproduktion des Rheinlandes und des Saarlandes ging als Reparationen nach Frankreich.
Die Arbeiter dort waren aufgestanden, aber alles war vergeblich gewesen, denn die Politiker der Weimarer Republik hatten sie im Stich gelassen. Jedenfalls fühlten sie sich so.
Massenarbeitslosigkeit herrschte in allen Teilen des Landes und eine Hyperinflation tat ihr Übriges, um die Unzufriedenheit der Bevölkerung anzufachen und nach Alternativen zu suchen.
Davon gab es eigentlich nur zwei: Die von den Kommunisten unter Karl Liebknecht vorgeschlagenen Reformen, die durchaus auch ein wieder erstarktes Großdeutschland vorsahen und die Forderungen Hitlers, der einen Nationalen Sozialismus versprach.
 
In dem Parteiprogramm von 1920 hatte er Dinge versprochen, die natürlich auch und gerade bei der Arbeiterklasse auf fruchtbaren Boden fielen.
 
Das Alles sprach das Gefühl der Menschen, die bis über die Ohren im Dreck steckten, mehr als nur an.
Sie sahen und erlebten ‚das süße Leben‘ der Reichen, wo immer sie hinsahen.
Abends sahen die großen Städte aus, als habe es den Krieg nie gegeben. Überall Lichter, feiernde Menschen und Jubel, Trubel, Heiterkeit.
 
Sie hatten ihren Kopf in den fürchterlichen Grabenschlachten an der Marne hingehalten, während die Bonzen da oben lachten, feierten und schwelgten.
 
Sie erlebten tagtäglich, wenn sie denn zu den Glücklichen zählten, die Arbeit hatten, daß das Geld, das sie am Schichtende ausbezahlt bekamen, schon am nächsten Morgen nichts mehr wert war.
 
Niemand kümmerte sich um die vielen verwundeten Heimkehrer, die die Straßenränder bettelnd bevölkerten.
Niemand merkte mehr als die heimgekehrten Soldaten, daß der ‚Dank des Vaterlandes‘ nur eine leere Worthülse war, während eine bestimmte Kaste Menschen ungeheuer vom Krieg profitiert hatte.
 
Aufstände waren häufig, und die Politik hatte als einzige Antwort darauf das Zusammenschießen der Demonstranten, wie es in Berlin, Altona oder anderswo geschehen war.
 
Und da kam ein Mann wie Hitler, der sich damit brüstete, NUR 'ein einfacher Frontsoldat‘ gewesen zu sein und auch ein begnadeter Redner war, der dem Volk auf’s Maul schaute und in der Lage war, dessen Gefühle anzusprechen, gerade richtig, um ihnen wieder Hoffnung zu geben.
 
Daß dabei auch die Juden angegriffen und als Schuldige des Desasters genannt wurden, wollte man nicht wirklich wahrhaben oder glaubte es.
 
Gerade war die sozialistische Bayerische Regierung unter Eisner gescheitert und die Bayerische Räterepublik zusammengeschossen worden, und die Bevölkerung forderte die Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung auch mit totalitären Mitteln.
 
Und Hitler versprach genau dieses.
 
Folgende Punkte des Parteiprogramms von 1920 waren besonders beliebt:
 
- Gemeinnutz geht vor Eigennutz.
- Einziehung der Kriegsgewinne
- Verstaatlichung der Banken
- Gewinnbeteiligung an Großbetrieben
- Bessere Altersversorgung
- Kommunalisierung der großen Kaufhäuser zugunsten von Kleinbetrieben
- Vergabe öffentlicher Aufträge
- Eine Bodenreform
- Die Todesstrafe für Wucherer und Schieber
- Bildung für Alle
- Förderung des Sports
- Ein besserer Kinder- und Mütterschutz
- Verbot der Jugendarbeit
 
Im Saal kochte die Stimmung.
Alles brüllte und forderte die Vernichtung der Regierungen, egal ob in Bayern oder in ganz Deutschland.
Man ließ Hitler und Ludendorf hoch leben und versprach Gefolgschaft bis in den Tod und die Teilnahme am morgigen Marsch und bis zur endgültigen Machtergreifung durch Hitler.
 
Und dann erhob auch dieser das Wort an die Anwesenden, und Howy mußte sich eingestehen, daß er schon ziemlich fasziniert war, auch wenn er wußte, welches Leid dieser Mann letztlich über das deutsche Volk und die Welt bringen würde. Reden konnte der Mann, wie nur Wenige. Frei und mit einem Pathos, das die Gefühle der Anwesenden tief traf.
 
Ein altes Omchen neben unserer Gruppe zitterte: „Ich wußte es! Er ist der Messias! Er ist zurückgekommen! Halleluja!“
 
Howy blickte skeptisch auf die alte Dame.
War es möglich, daß man so ergriffen sein konnte? Daß man derart gläubig diesem Rattenfänger zujubelte?
Aber dann erinnerte er sich an seine eigene Faszination noch vor wenigen Minuten.
Er versuchte, sich in die Situation der Menschen dieser Zeit hineinzuversetzen, die natürlich nichts von den zukünftigen Ereignissen wissen konnten. Irgendwie konnte er sie schon verstehen.
 
Vandenberg signalisierte Allen, sie sollten den Saal verlassen und sich draußen bei der Litfaßsäule sammeln, um zu beratschlagen, was nun zu tun sei.
 
Ein Anschlag auf Hitler hatte nicht stattgefunden, obwohl sie fest davon überzeugt waren, daß Jake dagewesen sein mußte, denn er konnte nur erfolgreich sein, wenn er die richtige Situation und die beste Gelegenheit nützen würde.
Und da könnte der morgige Marsch der idealen Hintergrund sein, denn in dem wahrscheinlichen Tohuwabohu würde er sicherlich unerkannt entkommen und die Tat auf Sicherheitskräfte schieben können.
 
[Bild: hohardus.jpg]
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