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Zwischenlog 2 Rabenstein
#1
*** Riva Prime, ehemalige Kolonie des terranischen Imperiums ***

 
Richard von Rabenstein unterdrückte seinen Widerwillen, als er die Spelunke betrat. In den vergangenen zwei Jahren hatte er festgestellt, dass er in der Lage war, ein Erhebliches an Dreck und Unbill zu ertragen, wenn er sich nur vergegenwärtigte, dass es für einen höheren Zweck war - und darauf achtete, Handschuhe zu tragen. Und zu überleben war eben eine Grundvoraussetzung für besagten höheren Zweck, den er keineswegs aus den Augen verloren hatte.
 
Zwei trübe Neonlampen, die von den Exkrementen toter Insekten bedeckt waren, warfen ein kränklich-braunes Licht in den Verschlag, der sich 'Mechatronics Merchandising' schimpfte. Von der Decke hingen diverse Bauteile, Borg- und sonstigen undefinierbaren Ursprungs, aber auch irgendwelche schamanistischen Bündel mit Knochen und Federn. Manche beklagenswerte Existenz schien zu glauben, dass Zauberwerk gegen Attacken der Borg oder Pestilenzen half...Erschreckend schnell war die Zivilisation in den Abgrund gerutscht, fand Richard.
An der Ladentheke lungerte ein dürrer Mensch mit spärlichem Haar und einer Augenklappe. Neben ihm stand ein Topf mit gegorenen Vari-Blättern, der Droge des kleinen Mannes. Hinter ihm im Halbdunkel stapelten sich Kisten und Boxen und halb auseinander genommene Hardware. Auch die Umrisse eine Borgdrohne, die in Ketten an der Wand verankert war, konnte der Inquisitor erkennen.
 
"Was kann'ch für Sie tun?" näselte der Mensch. Sein Geruch und seine äußere Erscheinung wiesen darauf hin, dass er sich vor nicht allzulanger Zeit an billigem Fusel gütlich getan hatte, aber auf körperliche Reinigung offenbar nicht sonderlich Wert legte.
 
Richard blieb in gebührendem Abstand stehen, versuchte, nicht allzuviel der nicht vorhandenen Luft einzuatmen. "Ein adäquates Tauschobjekt für meine Ware."
 
"Ah, ähem, so, was hab'n Sie denn anzubieten?"
 
Der Mann strahlte Nervosität aus, das war selbst für einen Nicht-Empathen zu bemerken. Er war unruhig. Warum? Ein Kunde war eigentlich kein Anlass, diese Art von Gefühle zu hegen... es sei denn.... Richards Augen wanderten über die drapierten Waren, so gut das bei den herrschenden Lichtverhältnissen möglich war. Dabei entdeckte er einige kleine Silberlack-Spritzer auf dem Tresen und an der rechten Hand des Verkäufers. Hatte er versucht, irgendwelche Waren mit einem neuen Anstrich zu versehen, um sie neu aussehen zu lassen? Oder um abgefeilte Registriernummern zu übertünchen? Auf jeden Fall wurde der Kerl immer nervöser und ängstlicher - auch wenn er sich jetzt zurücklehnte und gelangweilt auf den Variz-Blättern kaute. Ganz klar, er hatte etwas zu verbergen.
"Wollen Sie was kaufen, oder wollen Sie bloß glotzen, heheh? Eyeshopping is' hier nur montags. Da is' Ruhetag."
 
"Ja, das ist ja auch nötig, wenn man seinen eigenen Laden hat. - Was ist das denn dort oben? Ein Transmitter-Equalizer?"
 
"Ja, woll'n Sie mal sehen das Teil? - Eigner Laden, ja schön wärs. Früher hat der Staat einem mit der Steuer das Fell über die Ohren gezogen...." Der Verkäufer angelte im Dunkeln nach dem Bauteil und gab dabei frei Haus die Informationen, nach denen der Inquisitor gefischt hatte: "Und jetzt hab' ich wieder einen, der alles kassiert, Staat oder nicht, machst du nur den Max als kleiner Händler..."
 
Richard drehte das Bauteil in behandschuhten Fingern ohne zu wissen, was es war. Dafür lauschte er, wie sich der Händler seinen eigenen Strick drehte, an dem er ihn demnächst zappeln lassen würde. Er verströmte jetzt weniger Angstgefühle, stattdessen schien er Vertrauen gefasst zu haben. Sehr gut. Er legte das Bauteil zurück auf den Tresen. "Wissen Sie.... eigentlich bin ich auf der Suche nach etwas von substantiellerem Wert."
 
"Häh?"
 
"Etwas, das sich gewinnbringend anlegen lässt in diesen Tagen."
 
"Heheh...ja, warum haben Sie das nich gleich gesagt, Mann? Ich hab da hinten 'ne Holosammlung--"
 
Du wirtschaftest ein bisschen in die eigene Tasche, nicht wahr? "Wir Terraner müssen zusammen halten, finden Sie nicht auch?"
 
"Absolut! Absolut!"
 
Der Inquisitor spürte eine Welle von Sympathie. Es war geradezu langweilig, wie dieser minderbemittelte Kretin auf die simpelsten Tricks hereinfiel! "Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen. Nicht zu einem dieser räudigen Aliens." Der Verkäufer kicherte und verstummte abrupt, als Richard einen kleinen viereckigen Behälter mit blinkenden Anzeigen auf den Tresen schob, nicht, ohne sich vorher verschwörerisch Richtung Tür umzublicken. "Biomimetisches Gel Klasse A, hochkonzentriert."
 
Der Verkäufer streckte die Hand aus.
 
Ah... Gier ist so ein widerliches, abstoßendes Gefühl... "Stopp." Richard zog den Behälter aus der Reichweite der schmutzigen Hand mit den von Variz-Blättern blau gefärbten Fingerspitzen. "Ich sagte ja, ich will einen entsprechenden Gegenwert."
 
Irgendwo in den Tiefen des Ladens, der sich mindestens über zwei Stockwerke des abgestürzten Borgschiffes erstreckte, klang ein Geräusch. Der Verkäufer zuckte zusammen, und seine Angst war um das Doppelte größer zurück. "Äh, na klar, beeilen wir uns, he? Sie hab'n sicher auch nicht den ganzen Tag Zeit!"
 
Aber du hast offenbar noch viel weniger. "Ich bin interessiert an der Drohne."
 
"Der...der Cyborg? Eh, Mann, aber der ist mindestens 5 Kanister Deutherium oder 2 Kapseln Antimaterie wert - auch unter Brüdern, heheh." Er sah sich wieder um. Das Geräusch verunsicherte ihn.
 
Richard schabte wie zufällig über einen der silbrigen Punkte auf der Theke. "Das sollten Sie wegputzen, ehe Ihr Boss dahinterkommt." Das Panik-Level seines Gegenüber schoss in die Höhe. Volltreffer!
 
"Woher...?" Der Verkäufer begann hastig zu schrubben.
 
"Ach kommen Sie - von Mensch zu Mensch!" Der Inquisitor rang sich ein Lachen der Kategorie 'jovial' ab. "Sie haben einen hervorragenden Deal vor der Nase - nutzen Sie ihn, EHE ihr mieser Alien-Boss wieder alles für sich kassiert! Das hier," Er tätschelte die kleine Box, "ist in gewissen Kreisen locker 10 Kanister wert. Und ich schätze, Sie haben diese Kontakte."
 
"Ja... ja klar. Auf mich kann man sich immer verlassen, von Mensch zu Mensch!"
 
Oder von Betrüger zu Betrüger. "Deal?"
 
Der Verkäufer nickte und wandte sich um, um die Drohne aus ihren Fesseln zu lösen. Richard fühlte ein unangenehmes, seine Konzentration ungemein störendes Magenknurren. Es wurde wirklich Zeit, etwas zu Essen zu organisieren.
Die apathische Drohne hing wie eine Leiche über dem Tresen, bis der Verkäufer ihr einen Akku in den Rückenteil der Rüstung schob und die Biofunktionen ihres humanoiden Teils mit einem Hypospray aktivierte. Mit steifen Bewegungen richtete sich das Maschinenwesen auf, öffnete die Augen und starrte leer an Richard vorbei. Ein seelenloses Etwas.
Der Inquisitor warf dem Verkäufer die kleine Box zu. "Du hast den Borg für 5 Kanister verkauft, denke dran."
 
"Klar! Hehe! Bin ja nicht blöd!" Er bemerkte einen weiteren silbrigen Fleck und schabte ihn weg. "Vielleicht seh'n wir uns mal wieder!"
 
Ich hoffe nicht.
 
"Wir Terraner müssen zusammenhalten!"
 
Richard nickte knapp und war mit dem Borg aus der Tür. Angesichts des Gestanks in der Spelunke kam ihm selbst der Mief hier draußen im Verkaufszentrum angenehm vor. Trotzdem blieb das flaue Gefühl im Magen. Heilige Dreifaltigkeit, ich bin wirklich hungrig! Wovon ernähren sich eigentlich diese Typen? Er streifte den neben ihm marschierenden Borg mit einem Blick. [/i]Von Strom?[/i] Nun, er würde kein theologisches Essay darüber schreiben. Wichtig war nur, die Drohne gegen genügend Latinum und Edelsteine einzutauschen, die ihm und Nalae Essen und wenn möglich eine Schiffspassage verschaffen konnten.
 
 
*** Etwas später / Oberstadt / Sklavenmarkt ***
 
"Die Drohne scheint in gutem Zustand, was willst du für sie haben?" raunzte der Tellarit in Richards Richtung, wohl gewohnt, von desperaten Leuten Ware weit unter dem Wert abkaufen zu können.
 
"Ich verkaufe nicht," antwortete der Inquisitor, wie er es auch schon den drei oder vier anderen Händlern hier mitgeteilt hatte. Ja, Drohnen waren offenbar rar geworden in den letzten Wochen, nachdem die vorhandenen nicht gut genug gepflegt worden waren! "Das ist mein persönlicher Bodyguard."
 
"Ach was? Naja, du siehst ja auch aus, als könntest du einen brauchen! Vielleicht sollte ich dich umblasen und mir den Borg einfach holen?"
 
"Das würden Sie vermutlich nicht überleben."
 
Der Tellarit wollte es nicht darauf ankommen lassen und ließ ihn stehen. Richard schlenderte weiter über den Sklavenmarkt, heuchelte ab und an Kaufinteresse, ließ aber vor allem immer wieder hören, wie schwer derzeit an gute Drohnen zu kommen war, noch dazu an kampffähige und verhielt sich wie der unerfahrenste Goldgräber, der jedem von seinem Fund erzählt. Wie erwartet hatte sich die Nachricht binnen kurzen herum gesprochen und ein Ferengi steuerte auf ihn zu, den er als Oberhaupt des Tekva-Syndikats kannte. Eine Person mit genügend goldgepressten Latinum, um sich seine Yacht damit auskleiden zu lassen...
 
"Ich habe gehört, du hast eine wertvolle Drohne, Terraner?!" Er sonnte sich in seiner Selbstsicherheit, ja er suhlte sich geradezu darin.
 
"Ja. Aber die Summe, für die ich sie hergebe, ist auf dieser Schlammkugel von Planeten nicht zu haben, Großohr. Lass mich also in Ruhe."
 
Wie erwartet war ein 'Nein' nicht akzeptabel. Der Ferengi konnte es sich nicht leisten, in Gegenwart seiner Speichellecker und dubiosen Geschäftspartner derart sein Gesicht zu verlieren, dass er KEINEN erfolgreichen Geschäftsabschluss erreichte.
 
"Was soll das heißen, du Krähe? Verbreitest du hier, ich sei nicht flüssig?!"
 
"Nun, ich weiß, dass das Syndikat kürzlich ein paar Ladungen Schmuggelgut an die imperiale Polizei verloren hat...."
Aufruhr unter den Umstehenden. Geld und Ehre sind immer die empfindlichsten Stellen. Da kann man euch wunderbar manipulieren. Ein kurzes Streitgespräch noch, während dem er abbröckelndes Selbstbewusstsein und wachsende Angst vortäuschte - und ein Beutel mit Latinum flog Richard vor die Füße.
 
"So, und jetzt her mit der verdammten Drohne!"
 
Richard hob den Beutel auf, überflog die Menge der enthaltenen Streifen und schätzte, dass es dreimal so viel war, wie das seelenlose Maschinenwesen neben ihm wert war. Dann hob er mit kläglichem Gesichtsausdruck den Kopf. "Aber... die Drohne ist alles, was ich habe... und ... und..."
 
Die Umgebung brach in Gelächter aus. "Na, das ist dir dann eine Lehre, mit wertvollem Gut nicht so herum zu prahlen, Terraner!" röhrte ein Andorianer und spuckte aus.
 
"Aber... er ist ein Bodyguard."
 
"Jetzt ist er MEIN Bodyguard. - Was sind die Kommandocodes?"
 
"Soral... Terix..." zählte Richard auf romulanisch und tastete unter seinem Mantel nach dem portablen Transporter.
 
"Und weiter? Willst du mich an der Nase rumführen, terranischer Abschaum?"
 
Altissimus! Die Energiezelle ist doch nicht etwa leer? Aus dem Augenwinkel sah Richard ein paar Waffenmündungen. Der Andorianer sprang vor, ballte die Faust, setzte zu einem Schlag an -- und landete nur in der Leere.
 
...
 
Richard materialisierte knapp außerhalb des Marktes. Für mehr hatte die Energie des Transporters nicht mehr gereicht. Er verstaute die einzelnen Latinumstreifen an diversen Plätzen an seinem Körper und steuerte den nächstgelegenen Lebensmittelhändler an. Er kaufte reichlich ein und nahm dann ein Taxi zu den Aussenbezirken, um kein Risiko einzugehen.
Einige Stunden später erreichte er erschöpft das Schiffswrack, das Nalae und ihm die letzten Wochen Zuflucht geboten hatte.
[Bild: richard-sig-klein.jpg]
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