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Dämonen LOG 14 - Sokar
#1
*** a‘Ashanita / Regierungsbezirk / Gästequartier ***
 
Howy ließ sich mit einem Seufzer in den Sessel fallen. „Sie halten uns für eine primitive Spezies,“ sagte er in Sokars Richtung. „Auch wenn wir uns noch so sehr bemühen. Wahrscheinlich ist es ähnlich wie damals, als die Vulcanier die Erde beobachtet haben, so in den 1950er Jahren.“

„Nach den Berichten zu urteilen, die wir an der Wissenschaftsakademie aus der entsprechenden Periode gelesen haben, schätzten manche Kommandanten der Erkunder das Potential der Erde in der Tat als gering ein. Andere wiederum waren fasziniert von der menschlichen Neugier, dem Entdecker- und Erfindergeist, und das gab schließlich den Ausschlag.“

„Vielleicht denken die Ashani, es ist zu gefährlich, uns wieder nach Hause zu lassen, mit dem Wissen über alles, was wir unterwegs gesehen haben, auch von ihrer Welt. Ich meine, wir haben gefährliche Tiere auch in Zoos gehalten und sie erschossen, wenn sie ausgebüchst sind…“

„Die Analogie scheint mir nicht ganz passend.“ Sokar trat ans Fenster, von dem aus sich der Blick in ein gewaltiges Meeresbecken eröffnete. Durch den relativ klaren Wasserspiegel konnte er Ashani ihren Unterwassertätigkeiten in den Seetangfarmen nachgehen sehen. „Dieses Volk scheint völlig gewaltfrei zu sein. Es wäre höchst unlogisch, wenn sie uns exekutieren. Sie behandeln uns freundlich und neugierig…“

„Ja, eben wie in den Völkerschauen vom Zoo Hagenbeck früher in Hamburg. Da wurden sogenannte primitive Völker auch ausgestellt. Lebende Personen, stellen Sie sich das vor, und die mussten dann vor den Augen der Zuschauer Brot backen oder weben oder was sie sonst so an traditionellen Handwerkstechniken kannten.“

„Ein solches Konzept ist glaube ich auch der Crew der ersten Enterprise einmal begegnet. Und bei der Hegemonie von Calivor führte die Ausstellung intelligenten Lebens zur Ablehnung des Antrages auf Aufnahme in die Föderation. Aber ich würde Ihren Auftritt in den öffentlichen Networks nicht damit gleichsetzen.“

Howy stand auf, machte vor einer kleinen Wandnische die Handbewegungen, die man ihm gezeigt hatte, und erhielt tatsächlich eine Schale mit einer Art Gemüsesuppe. „Ich bin trotzdem froh, wenn wir wieder auf der Picard sind, Sir. Als erstes werde ich dem Replikator ein Matjesbrötchen mit Zwiebeln entlocken… Ich hoffe, das haben unsere Gastgeber nicht gehört…“ Er grinste und hob die Schale aus dem Dispenser. „Primitive Essgewohnheiten möchte ich denen nicht auch noch vorführen.“

Sokar behielt seine Antwort für sich. Er war wie die meisten Mitglieder seiner Spezies das, was man früher auf der Erde einen Veganer genannt hatte und konnte dem Gedanken, Tiere zu verzehren, so wenig abgewinnen wir die Ashani.

„Woran glauben Sie, liegt es, dass sich hier keine weiteren höheren Lebensformen außer den Ashani entwickelt haben?“ fragte Howy. „Auf der Erde und vielen anderen Planeten waren Amphibien eine ziemlich frühe Entwicklungsstufe der Evolution. Und Landflächen gibt es ja auch hier.“

„Dafür müsste man intensive biologische und ökologische Forschungen durchführen. Möglicherweise sind bestimmte Strahlungen der lokalen Sonne verantwortlich. Oder….“ Sokar zögerte etwas, denn das war eine zwar logische Spekulation, doch erschien ihm ihre Äußerung wie eine Kränkung der Gastgeber. „Oder sie haben selbst dafür gesorgt, dass ihre Spezies dominant bleibt. Zweifellos besitzen sie die genetischen Fähigkeiten, Mutationen zu kontrollieren.“

Dieser Gedanke sollte Sokar noch die halbe Nacht beschäftigen und zu diversen Wahrscheinlichkeitsrechnungen veranlassen.

 
*** Am nächsten Morgen / Konferenzraum im Regierungspalais ***

Sokar hatte soeben das Zusammenleben der verschiedenen Spezies an Bord der Picard und anderen Föderationsschiffen vor einem staunenden und interessierten Publikum erläutert. Er hoffte, dass es ihm gelungen war, kritische Punkte weitgehend neutral zu umschiffen, um nicht den Eindruck zu verstärken, es handele sich bei den Gästen aus der Milchstraße um Primitivlinge, die die Grundgesetze zivilisierten Lebens nicht kannten und somit eine Gefahr für die angestrebte Harmonie der Ashani waren.
Besonderes Interesse zeigten seine Gesprächspartner am Thema Musik. Sokar hatte lediglich eine begrenzte Auswahl zur Verfügung, wenn er seinen Kommunikator mit dem Computer des Shuttles verband, wo eine Reihe Musikstücke gespeichert waren. Sie waren nicht unbedingt sein persönlicher Geschmack, gaben aber einen ganz guten Querschnitt durch die Vorlieben vieler Crewmitglieder.
Die Ashani hatten offensichtlich keine musikalische Kultur entwickelt, und die Fülle an Klängen war für sie soetwas wie eine Offenbarung. Schließlich war Musik Harmonie! Vielleicht ergab sich hier nun endlich die Möglichkeit, etwas für die Durchflugrechte anzubieten?!

Mit entsprechender Hoffnung verließ Sokar an diesem Nachmittag die Besprechungen. Doch auf dem Weg zurück zu seinem Gästequartier registrierte er einen Ashan, der ihnen – unauffällig wie er wohl glaubte – folgte. Ein anderer Einheimischer verwickelte seinen Regierungsbegleiter in ein Gespräch und führte ihn wegen eines vermeintlichen Notfalls um einen Brückenpfeiler, genug Zeit, dass der andere Ashan aus dem Schatten zu Sokar aufschließen konnte.

„Ich grüße Sie, Gast von der fernen Welt,“ flüsterte der Ashan, bei näherer Betrachtung eine Frau mittleren Alters. „Wir haben nicht viel Zeit. Ich möchte Ihnen danken, denn Sie haben die Möglichkeit der Veränderung für meine Welt gebracht! Und für uns!“ Sie hob die Hände zur traditionellen Grußgeste und Sokar bemerkte, dass die Frau keine Schwimmhäute zwischen den sechs Fingern hatte. Im nächsten Moment war sie wieder mit der umgebenden Dunkelheit verschmolzen. Der Regierungsvertreter trat unter der Brücke hervor und schien nichts bemerkt zu haben.

„Alles in Ordnung?“ fragte Sokar, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, als habe er lediglich in meditativer Ruhe das abendliche Leuchten über der Wasserfläche beobachtet.

„Ein verstauchter Knöchel. Ich habe die Ambulanz benachrichtigt. – Man sollte sich eben sofort melden, wenn einem das Informationsimplantat ausgefallen ist.“ Er tippte sich an die rechte Schläfe. „Man sieht ja, was sonst passieren kann. Der Verunglückte hätte selbst um Hilfe rufen können, anstatt auf einen Passanten zu warten.“

Sokar nickte. Howy hatte ihm von den Implantaten erzählt, durch die alle Ashani untereinander und mit der Regierung verbunden waren, um „die Harmonie aufrechtzuerhalten“. Nun, es schien so, dass manche Ashani an dieser Harmonie nicht interessiert waren… Sokar bemerkte in sich das, was sein XO mit einem „unguten Gefühl“ zu umschreiben pflegte. Die Nachricht dieser Frau hatte seine Position auf diesem Planeten und im Herrschaftsgebiet der Ashani schlagartig verändert. Sie konnte die Sprecherin einer größeren Gruppe mit dem derzeitigen System Unzufriedenen sein, aber auch die Vertreterin einer abseitigen Splittergruppe. Auch in der Föderation und auch auf Vulcan gab es Leute, die der Welt um sie partout nichts abgewinnen konnten und lieber in ihren eigenen Realitätsblasen oder traditionellen Lebensformen ohne Technik verharren wollten. Aber er wollte und durfte sich nicht in irgendwelche internen politischen und religiösen Auseinandersetzungen ziehen lassen.
[Bild: sokar.jpg]
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